
Familienaufstellungen
Die „klassische Psychotherapie“ kann ein sehr wirkungsvolles Instrument sein um Probleme, die durch unsere individuelle Geschichte entstehen, zu lösen. In einem größeren Zusammenhang kann sie aber auch relativ schnell an ihre Grenzen stoßen.
Dies ist dann der Fall, wenn sich Probleme ergeben, die mit etwas Unverarbeitetem bzw. Ungeordnetem in unserem Familiensystem zu tun haben. Das kann die Familie, in die wir hineingeboren wurden, betreffen (Herkunftssystem) oder die Familie, in der wir leben (Gegenwartssystem). Dabei geht es um das Eingebundensein in Ereignisse innerhalb der Familie, in Schicksale anderer Familienmitglieder und nicht um die „Beziehungsqualitäten“ untereinander.
Von Bedeutung sind Geschehnisse wie Unfälle mit Todesfolge, früh gestorbene Kinder, Vergewaltigung, Selbstmord, Tod im Kindbett, Kriegserlebnisse und Folgen des Krieges wie Flucht oder Vertreibung.
Beim Familienstellen geht es nicht um das Individuum, sondern um die Familie als Ganzes, als eine Art Organismus, der nach Heilung ruft, indem er durch einzelne Mitglieder Symptome zum Ausdruck bringt. Wenden wir uns diesen unerlösten Anteilen im System zu, kann es Heilung erfahren.
Wie können wir uns nun dieses Eingebundensein des Einzelnen im System vorstellen?
Bert Hellinger, der diese Arbeit entwickelt hat, hat herausgefunden, dass Familiensysteme bestimmte Ordnungen haben, z. B. hat jedes Mitglied einer Familie das gleiche Recht auf Achtung und Zugehörigkeit. Wird diese Ordnung gestört indem jemand ausgeschlossen wird - aus welchen Gründen auch immer - hat das weit reichende Folgen für alle.
Es scheint so etwas wie ein Sippengewissen zu geben, eine Instanz, die über diese Ordnung wacht. Bei diesem Beispiel hätte das zur Folge, dass ein Nachfahre - oft eine oder mehrere Generationen später - das ausgeschlossene Familienmitglied vertritt, indem es sein Schicksal nachlebt.
Z.B. indem er sich ähnlich verhält oder sich als „schwarzes Schaf“ der Familie fühlt. Das geschieht völlig unbewusst und ohne dass der Betreffende die andere Person kennen muss oder auch nur irgendetwas über sie weiß.
Das Familiengewissen nimmt ihn in den Dienst um auf ein Unrecht hinzuweisen und auf Versöhnung hinzuwirken. Dadurch ist der Nachfahre in Liebe gebunden und nicht frei für sein eigenes Leben. Er lebt ein fremdes Schicksal.
Solche Verstrickungen entstehen immer dann, wenn schwere Schicksale von den unmittelbar Betroffenen bzw. Angehörigen emotional nicht verarbeitet werden konnten, wenn sie traumatisiert wurden und ihre Gefühle nicht ausdrücken konnten. Dann bleibt das im System wie ein Schock erhalten, der über die Generationen weitergegeben wird und nach Erlösung drängt.
Was geschieht beim Familienstellen?
Das Familienstellen kann in Gruppen durchgeführt werden oder im Einzelsetting, z. B. mit Playmobilfiguren. Zunächst geht es darum, unser inneres unbewusstes Bild der Familie sichtbar zu machen. Für sich selbst und für die Familienmitglieder, die für das Anliegen wichtig sind, wählt man Stellvertreter, die aus dem inneren Gefühl heraus im Raum bzw. auf dem Tisch zueinander aufgestellt werden.
Schauen wir so auf unser Familiensystem, verändert sich unsere Wahrnehmung dahingehend, dass Strukturen und Verbindungen sichtbar und fühlbar werden, die das eigene Erleben und Handeln entscheidend beeinflussen.
In weiteren Schritten geht es darum, die Verstrickungen zu lösen, indem Ordnungen wieder hergestellt werden und jeder einen guten Platz findet. Dies geschieht mit lösenden Sätzen, Bewegungen und Gesten. Übernommenes kann zurückgegeben, Unerledigtes nachgeholt werden.
Beim Beispiel des Ausgeschlossenen würde dieser wieder in das System hereingenommen werden, nachdem sich die Beteiligten mit dem, was das bisher verhinderte, auseinandergesetzt haben.
Erkennen wir auf diese Weise an, was ist und war, wirkt das sehr befreiend und kann tiefgreifende Impulse für unseren ureigenen Weg geben, denn dann werden wir frei von fremdem Schicksal.


